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 ===== Auf Fangfahrt in die Vergangenheit ===== ===== Auf Fangfahrt in die Vergangenheit =====
  
-== 1918 erlebt der junge Eckernförder Fischer Friedrich Daniel, wie sein 72jähriger Großvater, bewaffnet mit einer Ruderpinne und angefeuert von den Umstehenden, den Räucherer Fritz Hinrichsen quer durch die Eckernförder Innenstadt jagt. Dieses Ereignis erscheint ihm so kurios, dass er beschließt, es aufzuschreiben. Damit beginnen seine langjährigen Tagebuchaufzeichnungen, die heute ein umfangreiches historisches Dokument darstellen. Sie wurden von Martin Hüdepohl erstmalig gesichtet und transkribiert. == +=== 1918 erlebt der junge Eckernförder Fischer Friedrich Daniel, wie sein 72jähriger Großvater, bewaffnet mit einer Ruderpinne und angefeuert von den Umstehenden, den Räucherer Fritz Hinrichsen quer durch die Eckernförder Innenstadt jagt. Dieses Ereignis erscheint ihm so kurios, dass er beschließt, es aufzuschreiben. Damit beginnen seine langjährigen Tagebuchaufzeichnungen, die heute ein umfangreiches historisches Dokument darstellen. Sie wurden von Martin Hüdepohl erstmalig gesichtet und transkribiert. === 
  
 == Von Martin Hüdepohl == == Von Martin Hüdepohl ==
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 Ich hatte nun also die Aufgabe übernommen, die handschriftlichen Aufzeichnungen meines Urgroßonkels Fiete Daniel, des Bruders der Mutter des Vaters meiner Mutter, Jahrgang 1900, zu digitalisieren. Dabei handelte es sich um insgesamt 859 mit dem Füllfederhalter geschriebene Seiten, mit 220.000 Wörtern. Der Umfang von zwei dicken Romanen. Ich hatte nun also die Aufgabe übernommen, die handschriftlichen Aufzeichnungen meines Urgroßonkels Fiete Daniel, des Bruders der Mutter des Vaters meiner Mutter, Jahrgang 1900, zu digitalisieren. Dabei handelte es sich um insgesamt 859 mit dem Füllfederhalter geschriebene Seiten, mit 220.000 Wörtern. Der Umfang von zwei dicken Romanen.
  
-Wer Fiete Daniel war, dürfte zahlreichen Lesern bekannt sein. Ein alter Eckernförder Fischermeister, Jahrgang 1900, der viel über seinen Beruf aufschrieb, in den 1980ern unter anderem in Form von Beiträgen für dieses Jahrbuch. Außerdem war er es, der die Miniaturen der alten Eckernförder Fischernetze anfertigte, die im Eckernförder Heimatmuseum zu besichtigen sind.+Wer Fiete Daniel war, dürfte zahlreichen Lesern bekannt sein. Ein alter Eckernförder Fischermeister, Jahrgang 1900, der viel über seinen Beruf aufschrieb. Außerdem war er es, der die Miniaturen der alten Eckernförder Fischernetze anfertigte, die im Eckernförder Heimatmuseum zu besichtigen sind.
  
 Das Manuskript beinhaltet seine Tagebuchaufzeichnungen von 1918 bis 1924, einen größeren Artikel über die Geschichte der Fischerei und der Fischereivereine in Eckernförde und zahlreiche Bemerkungen und Anekdoten. Das Manuskript beinhaltet seine Tagebuchaufzeichnungen von 1918 bis 1924, einen größeren Artikel über die Geschichte der Fischerei und der Fischereivereine in Eckernförde und zahlreiche Bemerkungen und Anekdoten.
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 Wenn man sich langsam und intensiv auch mit den kleinsten Kleinigkeit beschäftigen muss, bringt einen das viel näher ans Orginalgeschehen heran, als wenn man einen auf Spannung und Unterhaltung optimierten Erlebnisbericht liest oder gar einen Roman, in dem keine öden Episoden vorkommen und wenn doch, man sie überblättern kann. Wenn man sich langsam und intensiv auch mit den kleinsten Kleinigkeit beschäftigen muss, bringt einen das viel näher ans Orginalgeschehen heran, als wenn man einen auf Spannung und Unterhaltung optimierten Erlebnisbericht liest oder gar einen Roman, in dem keine öden Episoden vorkommen und wenn doch, man sie überblättern kann.
  
-Aber nun erstmal eine kleine Zusammenfassung, worum es eigentlich in seinem Tagebuch geht. Anfang 1918, als die Aufzeichnungen beginnen, fischt der junge Fiete Daniel bei seinem Großvater an Bord. Dieser besitzt in seinem Alter noch ein Ruderboot und fischt in der Förde zusammen mit einem Macker mit Stellnetzen auf Butt. Danach geht Fiete an Bord bei dem Fischer Jonni Thies, der mit einem größeren Zugnetzboot, ähnlich dem Boot von Fietes Vater Wilhelm, ebenfalls auf Butt fischt. Wilhelm Daniel ist zu dieser Zeit mit seinem Boot noch beim „Küstenschutz” in Heiligenhafen. Dies ist ein von der Reichsmarine aufgestelltes Kommando, zu dem einige Fischer samt ihrer Boote zwangsrekrutiert wurden. Was genau die Aufgaben des Küstenschutzes sind, wird nicht erwähnt, wahrscheinlich so etwas wie Seeraumüberwachung und Grenzsicherung. Jedenfalls wird Wilhelm wie alle anderen Fischer wegen der Nahrungsknappheit im Reiche im Sommer 1918 aus dem Küstenschutz entlassen, um wieder zu fischen, und sogleich kommt Fiete zu seinem Vater und dessen Macker Fiete Mumm an Bord. Die drei beginnen als einzige Eckernförder Fischer von Burgstaaken aus im Fehmarnsund nach Butt zu fischen. Dort verzeichnen sie unglaubliche Fangerfolge, welche den jungen Fiete Daniel mit einem so guten finanziellen Polster ausstatten, dass er gleich zu Beginn seines Berufslebens seinem Großvater dessen Anteil an dem Zugnetzboot abkaufen kann. Der Großvater ist vormals der dritte Mann an Bord gewesen. Der Krieg endet, kurz bevor Fiete an die Front hätte müssen. Nun beginnt für die Daniels die Zeit der Inflation, welcher sie aber geschickt entgehen, indem sie ihre Butt in Dänemark absetzen, für wertstabile Kronen.+===Worum geht es?=== 
 +Aber nun erstmal eine kleine Zusammenfassung, worum es eigentlich in seinem Tagebuch geht. Anfang 1918, als die Aufzeichnungen beginnen, fischt der junge Fiete Daniel bei seinem Großvater an Bord. Dieser besitzt in seinem Alter noch ein Ruderboot und fischt in der Förde zusammen mit einem Macker mit Stellnetzen auf Butt. Danach geht Fiete an Bord bei dem Fischer Jonni Thies, der mit einer Quase, einem größeren Zugnetzboot, ähnlich dem Boot von Fietes Vater Wilhelm, ebenfalls auf Butt fischt. Wilhelm Daniel ist zu dieser Zeit mit seinem Boot noch beim „Küstenschutz” in Heiligenhafen. Dies ist ein von der Reichsmarine aufgestelltes Kommando, zu dem einige Fischer samt ihrer Boote zwangsrekrutiert wurden. Was genau die Aufgaben des Küstenschutzes sind, wird nicht erwähnt, wahrscheinlich so etwas wie Seeraumüberwachung und Grenzsicherung.  
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 +Jedenfalls wird Wilhelm wie alle anderen Fischer wegen der Nahrungsknappheit im Reiche im Sommer 1918 aus dem Küstenschutz entlassen, um wieder zu fischen, und sogleich kommt Fiete zu seinem Vater und dessen Macker Fiete Mumm an Bord. Die drei beginnen als einzige Eckernförder Fischer von Burgstaaken aus im Fehmarnsund nach Butt zu fischen. Dort verzeichnen sie unglaubliche Fangerfolge, welche den jungen Fiete Daniel mit einem so guten finanziellen Polster ausstatten, dass er gleich zu Beginn seines Berufslebens seinem Großvater dessen Anteil an dem Zugnetzboot abkaufen kann. Der Großvater ist vormals der dritte Mann an Bord gewesen. Der Krieg endet, kurz bevor Fiete an die Front hätte müssen. Nun beginnt für die Daniels die Zeit der Inflation, welcher sie aber geschickt entgehen, indem sie ihre Butt in Dänemark absetzen, für wertstabile Kronen.
  
 [{{ :dsc_2877.jpg?nolink |Die letzte existierende Quase im Museumshafen Probstei}}] [{{ :dsc_2877.jpg?nolink |Die letzte existierende Quase im Museumshafen Probstei}}]
  
 Im Laufe der nächsten Jahre beschreibt Fiete dann noch zahlreiche Dinge, wie den Bau ihres neuen Bootes auf der Eckernförder Glasau-Werft. Oder die verschiedenen Fischfangmethoden Handwaade, Ringwaade, Stellnetz, Treibnetz und Zugnetz. Geschildert werden lustige Situationen, wie auch lebensbedrohliche. Es wird auch kriminalistisch, als die Daniels nach und nach einem Berufskollegen auf die Schliche kommen, der Stellnetze klaut und nachts mit seinem Boot Raubzüge in den verschiedenen Häfen unternimmt. Sogar eine gruselige Episode gibt es, als plötzlich auf einem Fanggebiet nichts mehr als Unmengen ekelhafter, mysteriöser roter Würmer zu fangen sind. Auch historisch interessante Ereignisse kommen vor, z. B., wie es dazu gekommen war, dass 1923 das fischreichste Jahr in der Eckernförder Geschichte wurde. Dabei tauchen die Namen von weit über hundert Eckernfördern auf, die ich in einem Personenregister eingetragen habe. Nicht wenige Eckernförder von heute dürften da einen Vorfahren wiederentdecken können. Private Ereignisse, wie Fietes Heirat im Jahr 1922 finden höchstens in einem Nebensatz Erwähnung: „Wir sagten (dem Fischhändler Hansen), wenn es Mittwoch-Donnerstag gutes Wetter sei, kämen wir wieder, da am Wochenende meine Hochzeit sei, die wir wohl nicht versäumen könnten.” Im Laufe der nächsten Jahre beschreibt Fiete dann noch zahlreiche Dinge, wie den Bau ihres neuen Bootes auf der Eckernförder Glasau-Werft. Oder die verschiedenen Fischfangmethoden Handwaade, Ringwaade, Stellnetz, Treibnetz und Zugnetz. Geschildert werden lustige Situationen, wie auch lebensbedrohliche. Es wird auch kriminalistisch, als die Daniels nach und nach einem Berufskollegen auf die Schliche kommen, der Stellnetze klaut und nachts mit seinem Boot Raubzüge in den verschiedenen Häfen unternimmt. Sogar eine gruselige Episode gibt es, als plötzlich auf einem Fanggebiet nichts mehr als Unmengen ekelhafter, mysteriöser roter Würmer zu fangen sind. Auch historisch interessante Ereignisse kommen vor, z. B., wie es dazu gekommen war, dass 1923 das fischreichste Jahr in der Eckernförder Geschichte wurde. Dabei tauchen die Namen von weit über hundert Eckernfördern auf, die ich in einem Personenregister eingetragen habe. Nicht wenige Eckernförder von heute dürften da einen Vorfahren wiederentdecken können. Private Ereignisse, wie Fietes Heirat im Jahr 1922 finden höchstens in einem Nebensatz Erwähnung: „Wir sagten (dem Fischhändler Hansen), wenn es Mittwoch-Donnerstag gutes Wetter sei, kämen wir wieder, da am Wochenende meine Hochzeit sei, die wir wohl nicht versäumen könnten.”
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 +===Fiete Daniel wollte es wissen!===
  
 Das große, dominierende Thema des Manuskriptes ist jedoch jenes, das wohl jedem Fischer im Geiste herumspukt: Wann und wo ist was zu fangen und mit welchem Fanggerät? Fiete Daniel wollte dahinterkommen. Er wollte es ernsthaft wissen. Sonst hätte er wohl kaum so einen Aufwand gemacht, alle Fänge mit Zusammensetzung, Menge, Gewicht, Fanggebiet, Wetter, Uhrzeit und so weiter penibel zu dokumentieren. Ich scherze nicht, wenn ich sage, dass ich nun das Gewicht jedes einzelnen Steinbutts weiß, den Fiete von 1918-1923 fing. Ich habe 1738 Mal das Wort „Pfund” abgeschrieben, 958 Mal das Wort „Stieg” (1 Stieg = 20 Butt). Er machte sich um die Wanderungen der Fische und die Entwicklung ihres Bestandes wirklich viele Gedanken. Besonders der Rückgang des Goldbutts (Schollen) in der westlichen Ostsee Anfang der 20er Jahre ist immer wieder Thema. Er führt ihn auf die harten Winter, die Raubfischerei nach untermaßigen Butt während der Kriegsjahre und auf die Versenkung zweier Leichter voller Blausäure nach Kriegsende in der Kieler Förde zurück. Doch zu einem abschließenden Urteil kommt er nicht, denn allzu oft werden die Fischer in ihren Erwartungen enttäuscht oder durch unerwartete Fänge freudig überrascht, trotz aller Überlegungen. So schreibt er: „Aber man weiß ja auch nicht, was die Natur selbst dazu beigetragen hatte, die Goldbutt zum Aussterben zu bringen in der westlichen Ostsee.” Und : „Da niemand diese Frage beantworten konnte, sollte die Natur diese Rätsellösung wohl für sich behalten.” Das große, dominierende Thema des Manuskriptes ist jedoch jenes, das wohl jedem Fischer im Geiste herumspukt: Wann und wo ist was zu fangen und mit welchem Fanggerät? Fiete Daniel wollte dahinterkommen. Er wollte es ernsthaft wissen. Sonst hätte er wohl kaum so einen Aufwand gemacht, alle Fänge mit Zusammensetzung, Menge, Gewicht, Fanggebiet, Wetter, Uhrzeit und so weiter penibel zu dokumentieren. Ich scherze nicht, wenn ich sage, dass ich nun das Gewicht jedes einzelnen Steinbutts weiß, den Fiete von 1918-1923 fing. Ich habe 1738 Mal das Wort „Pfund” abgeschrieben, 958 Mal das Wort „Stieg” (1 Stieg = 20 Butt). Er machte sich um die Wanderungen der Fische und die Entwicklung ihres Bestandes wirklich viele Gedanken. Besonders der Rückgang des Goldbutts (Schollen) in der westlichen Ostsee Anfang der 20er Jahre ist immer wieder Thema. Er führt ihn auf die harten Winter, die Raubfischerei nach untermaßigen Butt während der Kriegsjahre und auf die Versenkung zweier Leichter voller Blausäure nach Kriegsende in der Kieler Förde zurück. Doch zu einem abschließenden Urteil kommt er nicht, denn allzu oft werden die Fischer in ihren Erwartungen enttäuscht oder durch unerwartete Fänge freudig überrascht, trotz aller Überlegungen. So schreibt er: „Aber man weiß ja auch nicht, was die Natur selbst dazu beigetragen hatte, die Goldbutt zum Aussterben zu bringen in der westlichen Ostsee.” Und : „Da niemand diese Frage beantworten konnte, sollte die Natur diese Rätsellösung wohl für sich behalten.”
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 >Een naa de anner dee sick düsse Bröörs verkrümeln. „Dat hest Du se god bipult kreegn, Johann”, dee ick seggen. „Jo”, see he, „dat is doch wohr! De Tied wo ji wegg weern, hefft se blots jümmers rümmsludert, wat ji unklooke Minschen dor op Fehmarn wull rummhungern un freern mööt!” „Is god, Johann”, see Fiete, „de könt uns all lang de Puckel rutschen. Wi hefft für dütt Johr uns Schipp in Drög'n un wüllt irstmol Wiehnacht moken.” >Een naa de anner dee sick düsse Bröörs verkrümeln. „Dat hest Du se god bipult kreegn, Johann”, dee ick seggen. „Jo”, see he, „dat is doch wohr! De Tied wo ji wegg weern, hefft se blots jümmers rümmsludert, wat ji unklooke Minschen dor op Fehmarn wull rummhungern un freern mööt!” „Is god, Johann”, see Fiete, „de könt uns all lang de Puckel rutschen. Wi hefft für dütt Johr uns Schipp in Drög'n un wüllt irstmol Wiehnacht moken.”
  
 +===Plattdeutsch versus Hochdeutsch===
  
 Die plattdeutschen Abschnitte abzutippen hat mir die meiste Freude gemacht. Nicht nur wegen des Humors, der im Plattdeutschen irgendwie immer mitschwingt. Auch deswegen, weil Platt Fiete Daniels Muttersprache war und diese Abschnitte natürlich und flüssig geschrieben sind. Zum Hochdeutschen musste sich Fiete hingegen regelrecht zwingen. Hier zum Beispiel der Anfang des Manuskripts: Die plattdeutschen Abschnitte abzutippen hat mir die meiste Freude gemacht. Nicht nur wegen des Humors, der im Plattdeutschen irgendwie immer mitschwingt. Auch deswegen, weil Platt Fiete Daniels Muttersprache war und diese Abschnitte natürlich und flüssig geschrieben sind. Zum Hochdeutschen musste sich Fiete hingegen regelrecht zwingen. Hier zum Beispiel der Anfang des Manuskripts:

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